Ausflug mit der Great Escape – Ein Abenteuer unter Segeln

Von Monika Heinen

Alles fing ganz harmlos an. Ich hatte mich entschlossen, ein für mich noch völlig neues Gebiet zu erkunden – ich wollte segeln. Eine eigene Crew zusammen zu stellen erschien mir aussichtslos, meine ganzen Freunde stellten sich als eher wasserscheu heraus, Angst vor Wellen, Angst vor Schaukeln, Angst vor großen Fischen, Angst vor fremden Menschen. Ich beschloss, es allein zu versuchen! Habe mich ans Internet geklemmt und sämtliche Mitsegelbörsen durchforstet, die ich finden konnte. So bin ich auf die Great Escape gestoßen. Ein Stahlschiff mit zwei Masten, fast neunzehn Meter lang, neu und in Eigenarbeit ausgebaut von Carsten Riedel, seines Zeichens Bäckermeister mit einer unstillbaren Leidenschaft für das Segeln und vor allem für sein Boot. Schnell ein paar eMails hin und her und die Buchung war perfekt. Schließlich konnte ich noch eine Freundin überreden, den Törn mitzufahren und so sind wir nach Ibiza geflogen. 

Eine Übernachtung nun auf der Insel und am nächsten Tag waren wir am Hafen im Cafe Sydney verabredet, wo unser Skipper uns abholen sollte. Als wir dann jedoch am Hafen standen und uns von der Insel verabschiedeten, um in ein ultrakleines Dingi zu steigen, welches uns auf das Schiff bringen sollte, war mir doch etwas mulmig. Ich hatte meine Tasche vorbereitend so gepackt, dass ich sowohl für den abendlichen Ausflug zum Hafen als auch für den Tag unter Segeln oder für eine kühle Nacht gewappnet war, mit einem Wort, ich war völlig mit Klamotten behängt, die ich sowieso nicht brauchen würde. Eine kurze Hose, ein Badeanzug, ein paar T-Shirts wären völlig ausreichend gewesen. Carsten, denn wir im Laufe der Tour nur noch freundlich Skippi gerufen haben, brachte uns also erst mal an Bord. Welch ein Schiff!

Der dritte Segelgast, Olli aus Hamburg, wartete schon an Bord, hatte sich die Zeit mit Aufräumen und Fenster putzen vertrieben und war nun beauftragt, uns an Bord herum zu führen und uns alles zu zeigen, während der Skipper noch einmal losfuhr, um Lebensmittel für den Törn einzukaufen. Olli war auch sichtbar angenehm überrascht, in uns zwei Normalos vor zu finden. Die beiden Jungs hatten in den vergangenen Tagen schon übelst darüber nachgedacht, wen sie nun sechs Tage auf dem Hals haben würden. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Olli lies sich auch nicht lange bitten und führte uns durch das Schiff. Als erstes die Kombüse, klein aber fein, und mit allem ausgestattet. Spüle, Herd, Backofen, voller Kühlschrank, komplette Gewürzpalette, Geschirr und Besteck für mindestens zwanzig Personen, grüne Plastik-Kaffeetassen - mit bunten Aufklebern zur einfacheren Unterscheidung beim Gebrauch -, dann das Esszimmer, eine Sitzecke, die einlädt zu einem Spieleabend, zu dem wir – und das sei gleich vorausgeschickt – nicht gekommen sind, aber vorstellen kann ich mir das schon. Dann kam unsere Kajüte – Inas und meine -, vier Kojen, jeweils zwei übereinander, ein riesiges Fenster in der Decke. Dann der Salon mit Getränkefach für Säfte und ähnlichem, wir haben selten reingesehen. Wichtiger war eher die Wein- und Ginbox im Esszimmer. Grandios auch die Kommandozentrale direkt gegenüber dem Maschinenraum. Ausgestattet mit modernster Technik, Kartenplotter, GPS, Funke usw. Technisch bin ich nicht so versiert, so erspare ich Details. Dahinter die Kajüte von Skippi, eigentlich nur ein Bett, in dem der in alle Richtungen schlafen kann. Hat sich bei verschiedensten Wellengängen bewährt, ließ er uns wissen. 

An Deck ein Führerhäuschen, viel Liegefläche an Bug und auf Achtern, ein Liegestuhl, Winschen für eine Regattatakelung und Segel, Segel, Segel. Ich konnte noch nicht überblicken, wie dieses viele weiße Tuch hängen würde, war aber ganz zuversichtlich, dass es irgendwo seinen Platz finden würde. Also machten wir uns weiter bekannt und warteten auf die Rückkehr von Carsten. Ich packte schon mal ein paar Sachen aus und stellte mich auf eine äußerst erholsame und ruhige Woche ein. 

Irgendwann kam Skippi dann zurück, wir verstauten seine Einkäufe, ich machte mich schon mal mit den Vorräten und den Gegebenheiten in der Kombüse bekannt. Und es ging los! Skippi schmiss den Diesel an und wir machen erst mal einen großen Schlag raus auf See. Ein tolles Gefühl. Draußen den Motor aus und zum ersten mal noch recht unbeholfen das Genua-Segel gehisst. Eine einfache Kiste bei der tollen Ausstattung an Bord. Einer zieht, der andere kurbelt, der erste macht fest und der Dritte sichert an der Winsch. Zeit für ein Glas Rosardo, der ist in Spanien wirklich unschlagbar.  Doch das schönste war es, auf dem Vorderdeck zu liegen, in die Genua zu schauen und den eigenen Gedanken nachzuhängen. Ein paar nette Menschen noch drum herum das Rauschen des Wassers und die Windgeräusche im Segeltuch, das alles ist so wunderschön und böse Gedanken verflüchtigen sich und ich wurde ruhig und ausgeglichen und die einzige Sorge war, dass die Situation irgendwann vorbei sein könnte. Im Laufe des Nachmittags dann schön kochen, essen und das Schiff zieht weiter durch die Fluten, nur mit Windkraft. Es war so wunderschön, ich hätte alle Tage so verbringen können. Aber am Sonntag war der Skipper nicht mehr zu bremsen. Er wollte unbedingt noch an den Strand der Trommler, wo sich zu jedem Wochenende am Sonntag Abend die ganzen verbliebenen oder neu erkannten Hippies treffen, um zu trommeln, zu tanzen, mit Feuer zu spielen, im Sand zu sitzen, Wein aus Flaschen zu trinken. An diesen Stand wollte er uns führen und obwohl wir das Ziel noch nicht kannten, haben wir seinem Drängen nachgegeben und das Boot mit wenig Windkraft, dafür aber mit kräftigem Motor in die Bucht gedieselt.  

Als wir ankamen, war es bereits dunkel, nur die Feuer konnten wir bereits vom Boot weit draußen sehen. Ankerstelle suchen, Anker runterlassen, rein ins Dingi, Wein geschnappt und zum Strand. Skippi hatte nicht zuviel versprochen. Unzählige Feuer und Kerzen, bestimmt zwanzig Trommler, viele bunt gekleidete Menschen, Hunde, Kinder. Höhepunkte waren die Feuerspiele, junge Frauen, die an zwei Ketten brennende Kugeln so kunstvoll durch die Luft schwangen, dass die Bewegungen zu der Trommelmusik passten und ich ungewollt mitschwang. Unsere Crew ging tanzen und irgendwann hielt es Ina nicht mehr aus uns setzte sich selbst an eine frei gewordene Trommel, um ihren Rhythmus in das Getrommel einzupassen. Es klang wundervoll. Irgendwann zog sich eine Gruppe Menschen aus, stellte sich in einem Kreis um ein Feuer und hielt zum Sichtschutz ein weißes Tuch über Kopfhöhe um sich herum, so dass im Schein des Feuers bizarre Figuren entstanden, an denen ich mich nicht satt sehen konnte. Die Trommler wurden und wurden nicht müde, trommelten sich in Trance und uns mit. Das erste Tageslicht war bereits zu spüren, als wir den Stand verließen und auf die Great Escape zurückkehrten. Noch ein Absacker an Bord, Skippi legte eine seiner unschlagbaren Jazzinterpretationen auf und wir genossen die Klänge dieser Nacht, bis sich diese verabschiedete.

Mein größter Spaß war es, morgens aus der Koje zu schleichen, auf Deck und mit einem riesigen Satz in die Fluten zu platschen, das reicht für eine gute Laune den ganzen Tag. Dann das Kaffeewasser aufsetzen für mich und die nächsten Kojenkrabbler, die ihre Lager verlassen und den Geruch von frischem Kaffee als Hilfe zum Wachwerden zu schätzen wissen. Außer Skippi, der auf seinen anderthalb Minuten-Tee bestand. Bereits der Morgen war schon immer so gemütlich, dass keiner drängelte, endlich los zu segeln oder sonstige Aktion zu verbreiten. Also haben wir gemütlich gefrühstückt, langsam den Anker eingeholt und hatten vor, wieder einen großen Schlag raus zu machen, um die Insel nur noch als kleinen Brocken in der Ferne wahrzunehmen und uns wie Columbus zu fühlen. Weit draußen, ich lag wieder in meiner Position auf dem Vorderdeck, las und hing meinen Gedanken nach, kam plötzlich Skippis Ruf: Delphine! Und da kamen sie, erst zwei, dann fünf, dann so viele, dass sie nicht zu zählen waren. Wir hingen staunend über der Reling, konnten es nicht fassen. So nah, so groß, so freundlich, lauschen wir ihrem Gesang, klopften mit unseren Handflächen an den Stahl des Bootes und sie kamen immer näher. So nah, dass wir sie ganz genau aus weniger als einem Meter beobachten konnten. Nach einer halben Stunde wich die Verzückungsstarre und wir knipsten alles an Fotomaterial leer, was wir an Bord hatten. Warum springen die nicht? Wir waren mit 5 Knoten zu langsam, ließ uns Skippi wissen, bei mehr Fahrt schwimmen auch die Delphine schneller und dann springen sie auch zum Luftholen. Wir haben nur die Rückenflossen aus dem Wasser auftauchen sehen, bis plötzlich, in kurzer Entfernung, ein Schwertfisch den Delphinen zeigen wollte, was es heißt, für die Touris zu springen. Zwei Mal, eben für die, die beim ersten Mal ihren Augen noch keinen Glauben schenken wollten, sprang er noch mal. Zu schnell für die Kamera, aber für das geistige Auge unauslöschlich. Abends trafen wir an unserem Ankerplatz noch ein anderes Segelboot, deren Crew nicht glauben konnte, was uns am Nachmittag wiederfahren war. Anlass genug, abends gemeinsam essen zu gehen und nicht aufzuhören, von diesem Erlebnis zu schwärmen. Wir haben während noch einmal Delphine gesehen, aber das erste Zusammentreffen ließ sich mit nichts vergleichen.  

Mittlerweile wurden wir auf dem Schiff zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die meist lachend die nötigen Arbeiten an Bord verrichtete. Wie den Alltag, hatten wir auch unsere Namen auf der Insel zurückgelassen und fanden neue, aus Carsten wurde Skippi, aus Ina wurde Hans, aus Olli wurde Mamfred und ich ließ mich Auguste rufen. Das tägliche Miteinander klappte hervorragend und auch Skippi taute zusehends auf. Abends saßen wir immer zusammen bei Rosardo oder dem Sundowner Gin-Tonic, nicht kalt sondern eher lauwarm, aber super lecker. Wir hatten unseren Spaß, es war ein einziger lustiger Schlagabtausch zwischen den Mitgliedern der Crew. Völlig stressfrei und total entschleunigt, verließen wir das Schiff; und vor allem traurig, dass man so etwas bestimmt nur einmal erleben kann

Vielen Dank, Skippi!